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Masaa
„Afkar''

Vor 30 Jahren war es ein Libanese, der erstmals Maßstäbe in der Verbindung von arabischer Tradition und westlichem Jazz setzte. Eine Generation nach dem Durchstarten des Oudmeisters Rabih Abou-Khalil haben sich die Bedingungen für Teamworks zwischen Orient und Okzident geändert. Brückenschläge sind nichts Exotisches mehr. Sie stehen nun unter dem Vorzeichen eines selbstverständlichen Austauschs, der kreative Fluss fördert eine immense Palette von musikalischen Perspektiven zutage, schafft ganz neue Heimaten in und durch Musik. Die mutige Speerspitze dieser neuen Begegnungsqualitäten bildet das Quartett Masaa – und mit dem Poeten, Komponisten und Sänger Rabih Lahoud steht im Fokus wiederum ein Mann mit Wurzeln im Libanon.

Wie so oft in der Musikgeschichte entstehen kreative Höhenflüge durch ein zufälliges Aufeinandertreffen – so auch im Falle der deutsch-arabischen Konstellation von Masaa: Trompeter Marcus Rust spielt 2010 in Schwerin bei einem Bigband-Konzert und begegnet dort Rabih Lahoud. Dessen Name ist ihm schon durch seinen Lehrer Markus Stockhausen vertraut, der ihm von seinem neuen Projekt Eternal Voyage mit dem gebürtigen Libanesen erzählt hat. Rust ist so begeistert von Lahouds Vokalkünsten, dass er ihn seinen Kollegen Clemens Pötzsch (p) und Demian Kappenstein (perc) vorstellt.

Dabei ist für Lahoud die künstlerische Arbeit mit seiner Muttersprache noch frisch: Nach langer Vorliebe für die Musik des Westens und ein klassisches Pianostudium tastet er sich erst in der deutschen Ferne neugierig und behutsam an seine Wurzeln heran. Findet einen Ort des Wohlfühlens und Schönheit im Klang des Arabischen, das er von seinen Regeln befreit, jedem Wort eigene Kraft zuspricht. Es ist förderlich für die Chemie der frischgebackenen Band, dass auch die anderen Drei Suchende sind: Durch einen Indienaufenthalt geprägt, begeistert sich Rust für die direkte Emotionalität traditioneller Musik, bringt sie mit Jazz und Improvisation zusammen. Mit den gleichen Verbindungen arbeitet Pötzsch, der durch sein sorbisches Erbe die Töne des Ostens in seinem melodischen Spiel aufblitzen lässt. Und auch Kappenstein ist ein Reisender, der auf dem Schlagwerk seine Erfahrungen zwischen Taiwan und Türkei, Israel und Deutschland einfängt.

„Improesie“ nennt die Band liebevoll das, was sich im Studio ereignet, wenn der schöpferische Akt in Gang kommt: Zuweilen improvisiert Lahoud seine Texte über den Kompositionen seiner Kollegen, umgekehrt wird durch die poetischen Bilder der Verse oder rein durch den Klang der fremden Sprache die Improvisation der Instrumentalteile angeregt. Aus diesem „Schneeball“-Verfahren heraus erwächst das hochgelobte erste Album „Freedom Dance“. Da sind die vier Musiker für ihren unorthodoxen Umgang mit Orient Jazz schon mit dem Bremer Jazzpreis ausgezeichnet, überzeugen auf europäischen, libanesischen, schließlich sogar auf afrikanischen Bühnen. „Masaa tanzt den Freiheitstanz so selbstbewusst und entfesselt, wie das in den heutigen Zeiten des Misstrauens und der Feindschaft zwischen weit auseinander liegenden Weltanschauungen nur möglich ist“, jubelt das Magazin Jazzpodium.

Auf ihrem neuen Werk „Afkar“ loten Masaa noch mehr Freiheiten aus: Ihre Klangsprache hat sich ein Stück weiter vom Jazz emanzipiert, gibt sich sinnlicher, herzblutender, die Verschmelzung von Tänzerischem und Ungebundenem, von Tradition und Experiment hat eine neue organische Stufe erreicht. Lahouds Stimme mutet noch voluminöser und expressiver an, der Fluß der improvisatorischen Ideen und Gedanken - so die Bedeutung des arabischen Wortes „Afkar“ - führt im Zusammenspiel der Vier zu bislang unbekannten Ufern.

Mit innigem Gesang und fragenden Pianoeinwürfen startet der Songzyklus, doch schließlich wandelt sich das Eingangsstück „Aruz“ zu einem hymnischen, fast folkloristischen Tanz mit behend galoppierendem Schlagzeug und dem weichen, die Stimme umfließendem Trompetenklang. Es sind diese unverhofften, überraschenden Wandlungen, von denen das ganze Album lebt: Das Titelstück, in den Versen voll fürsorglicher Zweifel, schwingt sich aus lyrischem Sprechgesang zu einem Schrei des Herzens empor und dann zu inspirierter, freier Impro des Kollektivs. Aus einem unter die Haut gehenden Sologesang schält sich in „Hiwar“ ein überschäumendes Finale mit Anklängen an die ungerade Balkanmetrik heraus.

Meditative Momente mit sonorer Stimme und versonnener Trompete ergreifen den Hörer in Gestalt von „Mira“ und „Baladi“, zarte Naturpoesie mit Regentropfen von den Tasten durchzieht das feingliedrige „Hlam“. Genauso impressionistisch das verknappte, fast einem Haiku gleiche Naturbild von „Reflexion“, in dem sich Lahoud erstmals an die französische Sprache wagt. Ein Hauch von Cool Jazz mit gestopfter Trompete siedelt im soghaft kreisenden „Layali“ zu den dunklen Grooves von den Tasten.

Und da sind auch die sperrigen, herausfordernden Passagen: „Beiruti“ gerät mit seinen machtvoll stampfenden Rhythmen und seelenerschütternden Vokallinien zu einem Tanz auf dem Vulkan, ein eindrückliches Porträt einer wechselvollen und teils bitteren Stadtgeschichte. Ein bilinguales Experiment zwischen Arabisch und Deutsch stellt „Revolution“ dar, ein Gang ins Ungewisse, fast eher Hörspiel und Collage als reine Musik. Doch das Finale gehört wieder der klaren Erdung: Im „Dabke“ feiern Masaa den Orient in mitreißender Virtuosität des gesamten Quartetts.

Mit ihrem zweiten Wurf zelebrieren Masaa die Selbstverständlichkeit von Interkultur mitten in Europa – und beschwören sie mit der beseelenden, ergreifenden Schöpferkraft von Poesie und Improvisation.